Kann virtuelles Geld eine Finanzkrise auslösen?

by Stefan Raguse on 25. Oktober 2009

Um dies mit meiner Meinung zu beantworten, hole ich kurz aus. Zentralbanken regeln in einer Ökonomie (aktuell noch) mit der Geldmenge die Stabilität – in Europa ist dies die EZB (Europäische Zentralbank) und in Deutschland, als Vertreter der EZB die Deutsche Bundesbank. Die Geldmenge wird von den jeweiligen Zentralbanken unterschiedlich gemessen und je nach Geld-Verfügbarkeit unterteilt, so ist bspw. bei der EZB M1 das Bargeld und sofort verfügbare Einlagen bei Banken. Steuernd wird über Zinsen eingegriffen – zahlt die Zentralbank niedrige Zinsen leihen sich die Banken dort Geld und mehr Geld ist im Umlauf, zahlt die Zentralbank hohe Zinsen legen Banken dort Gelder an und damit wird dem Kreislauf Geld entzogen. Zu wenig Geld verhindert Wachstum, zu viel Geld fördert Inflation.

Diese, zugegeben sehr vereinfache und verkürzte Beschreibung der Geldpolitik hat die Aufgabe, z.B. das Vertrauen der Menschen in ihr Zahlungsinstrument zu erhalten und zu steigern, Finanzkrisen vorzubeugen (was nicht immer klappt) und das Preisniveau stabil zu halten.

Was wäre nun, wenn die Geldschöpfung nun nichtmehr durch messbare Grössen wie bspw. das “Drucken von Geld” oder Arbeit weltweit erzielt wird, sondern eine grosse Menge an Menschen in schnell skalierbaren Systemen neue Werte und damit neues Geld erzeugen, dass dann den realen Märkten zugeführt wird?

Was ist gemeint: Ca. 60 Mio Menschen schöpfen Werte mit Farmville, bauen dort als Agrarökonomen Gemüse, Obst und züchten Tiere. Ca. 6 Mio. World of Warcraft Spieler nutzen mehrere Hundertausende Auktionen um Güter zu handeln und Gold zu scheffeln. Was wäre wenn 300 Mio. QQ Nutzer mit 1.000 Mio. Accounts neben der runden Millarde Umsatz für Tencent selbst virtuelle Güter entwickeln und handeln – oder andere Spiele ähnlich Farmville dort Werte erschaffen? Oder mehrere Millionen Nutzer auf Monopoly City Streets weltweit eigene Gebäude mit Millionenwerten bauen ala Donald Trump?

Aktuell sind meines Wissens die realen Umsätze der Firmen durch reale Währungstransaktionen gedeckt, also wer auf Facebook mit Credits eine Rose verschenken will, muss den Gegenwert in USD bezahlen. Denkbar ist aber, dass wir zeitnah unsere Facebook Rosen mit Farmville Äpfeln bezahlen können. Und da die Ernte gut war, kann ich mir für meine Äpfel noch einen neuen Zauberstab auf World of Warcraft kaufen und den Rest der Ernte zur Kelterei (Kirstin hat bis dahin eine entsprechendes “Unternehmen” gegründet ;) ) geben und mir dafür Credits auszahlen lassen. Diese Credits tausche ich gegen ein neues chinesisches Konferenzsystem (hergestellt auf einer speziellen Plattform, vertrieben in QQ) ein und kann damit in Second Life meine Meetings effizienter gestalten.

Möglich machen dies Marktplätze auf denen ich all dies handeln kann, Dienstleister die mir die Güter von A nach B bringen und einbinden und Banken die, ohne den Umtausch in reale Währungen, Facebook Credits in WoW Gold oder Linden Dollar wandeln.

Um die enormen Mengen an Geld in den “realen” Geldkreisläufen messbar zu beeinflussen, und damit eine Finanzkrise auszulösen, fehlen aktuell noch die Marktplätze, Dienstleister und Banken für o.g. Transaktionen, die Menge an virtueller Geldschöpfung ist noch zu gering und die Interaktion der unterschiedlichen Systeme ist noch nicht etabliert.

Aber es ist absehbar, dass sich die ausserhalb der messbaren Finanz- und Geldmärkte, weitere und länderübergreifende Ökonomiem ausbilden. Wenn sich hier die Tore (Marktplätze, Dienstleister, Banken) öffnen, kann es schnell zu neuen Problemen und weiteren Finanzkristen auf den internationalen Märkten kommen. Es kann also den (grossen) Zentralbanken nur empfohlen werden, diese Parallelökonomie im Auge zu behalten.

  • Print
  • Digg
  • del.icio.us
  • Facebook
  • Google Bookmarks
  • LinkedIn
  • Posterous
  • StumbleUpon
  • Technorati
  • Twitter
  • MisterWong

Leave a Comment

Previous post:

Next post: