Wenn Digital Natives das Geld erfunden hätten

by Nicolas Boes on 2. Dezember 2009

Geld stinkt nicht, Bargeld schon. Falls möglich, zahle ich aus diesem Grund mit Karte. Das Problem: Selbst heute ist es nicht selbstverständlich, dass das geliebte Plastikgeld mit Freude von den Händlern angenommen wird. Der Plastikkartenjunkie wird teilweise sogar mit Sondergebühren oder Mindestbeträgen getrietzt.

Das hat vor allem einen Grund: Akzeptanz von Plastikgeld ist gerade in Deutschland kein schönes Unterfangen. Zunächst braucht man einen Händlervertrag mit der Bank seines Vertrauens und wird dann auch noch ordentlich zu Kasse gebeten. Zudem muss man ein Terminal kaufen oder (ähnlich wie in einem Mobilfunkvertrag) das Gerät über den Vertrag subventionieren.

Ein kleines Team rund um Initiator Jim McKelvey und Jack Dorsey, den Erfinder von Twitter, versucht jetzt diese Welt auf den Kopf zu stellen. Bei Square, so der Name des Startups, dass im Februar 2009 mit 10 Millionen Dollar gegründet wurde und schon jetzt mit dem vierfachen bewertet wird, dreht sich alles um den gleichnamigen Würfel, der an den Kopfhörereingang eines Mobiltelefons gesteckt werden kann. Dieser Würfel ist ein Kartenleser, der seinen Besitzer Kreditkarten akzeptieren lässt.
Das alles ist noch keine Sensation, zumal Magnetstreifen nicht mehr standesgemäß sind. Der Clue liegt, wie in dem Geschäft üblich, hinter den Kulissen.
Das Wirklich innovative ist die Abwicklung: Ein Square Händleraccount soll innerhalb von einer Minute angelegt werden können, und benötigt kein umständliches Vertragsprozedere. Damit, und mit der herausragenden Usability, die ihr euch in dem Video ansehen könnt, schafft es Square als erstes Unternehmen eine einfache, physische, Lösung für Person-2-Person Payments anzubieten. Ihre Strategie ist klar: Sie sichern sich mit dem Square einen enormen Vorsprung bevor der Rest der Welt irgendwann vielleicht mit NFC oder anderen Lösungen nachzieht. Und der Square Software den Umgang mit dem NFC-Chip beizubringen sollte dann wirklich keine Herausforderung mehr sein.
Derzeit sind Square in einer Beta, wollen aber schon Anfang 2010 produktiv gehen. In Deutschland wird das System der deutschen ZKA und der strengen Gesetzgebung wohl nicht standhalten. Ich wäre aber trotzdem geneigt mir so einen kleinen Würfel zu kaufen.

Update:

Laut der Los Angeles Times plant Dorsey seine Squares kostenlos abzugeben. Diese Taktik wäre eine Revolution im Payment Sektor auch wenn es in anderen Bereichen gängig ist die benötigten Endgeräte kostenlos an Kunden abzugeben.

Dorsey plant so offenbar sowohl seine Marktmacht aus den oben genannten Wettbewerbsgründen schnell voranzutreiben und zusätzlich stellt er so die kritische Masse sicher, die er benötigt um in dem Massengeschäft nicht unterzugehen, oder hat einer unserer Leser eine Diners Karte?

Wie steht ihr dazu? Spielerei, Zukunftsmusik oder Revolution?

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Thilo Specht 2. Dezember 2009 um 13:45

Ich als Original Born Digital Nasty finde das auch geil – sehe die Zukunft dieses Systems allerdings mit Skepsis. Das Problem: So innovativ es ist, Square benötigt dennoch herkömmliche Schnittstellen zu den großen Transaktionsbanken. Für Händler wird das zu einer Hürde, für Privatiers wird es nicht genügend Anreize zur Nutzung geben.
Die Zukunft des E-Payment liegt – SHOCKING! – in der Bürokratie. Zuerst müssen Richtlinien her, die Transparenz, Sicherheit und Einfachheit in der Handhabung durchdeklinieren. Standards. Wenn die einmal gefunden sind, können alle großen, kleinen, bunte, schwarze, dicke und dünne Anbieter eigene Lösungen dafür anbieten – auf einer gemeinsamen Basis.
Geld ist ja eigentlich auch nur eine App. Oder viele Apps. Muss eben auf allen Betriebssystemen laufen.

But: It’s hip to be square!

Nicolas Boes 2. Dezember 2009 um 14:08

Du hast vollkommen Recht, jedoch kapselt Square den Nutzer genau von diesem Moloch ab, ähnlich wie Paypal das in der online-Welt bereits tut.
Auch das ist nichts neues, aber die bestehenden Anbieter, wie z.B. Concardis, sind einfach noch nicht so sexy.

Stefan Raguse 3. Dezember 2009 um 13:41

Wie sieht die Umsetzung dessen in Deutschland aus? Warum ist die Einführung hier nicht realistisch?

Nicolas Boes 3. Dezember 2009 um 14:28

Im Zuge der Einführung des einheitlichen europäischen Zahlungsverkehrs SEPA gibt es die Verpflichtung, dass jede Kreditkarte, die im Europäischen Zahlungsraum im Umlauf ist (also hier ausgegeben wurde), ab 1.1.2011 einen EMV-Chip besitzt. Analog dazu müssen auch alle Terminals, die im SEPA Raum genutzt werden einen EMV-Leser haben. Der Rückgriff auf die Magnetstreifentechnologie ist also ab 2011 verboten.

Somit wird der Square, in dem Zustand in dem er ist in Europa nicht zum Einsatz kommen (oder wenn nur für ein Jahr). Ich halte es jedoch für möglich, dass Square mit der Hilfe ihrer Partner kurzfristig auch einen Chip-Square auf die Beine stellt, schließlich haben sie es geschafft in 10 Monaten von der Idee bis zur Umsetzung zu kommen, und sind damit schon deutlich schneller als bestehende Marktteilnehmer.

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